Die Statistik lügt - oder warum hat es nach 32 Versuchen geklappt?
- Anna Bergmann
- 23. März
- 5 Min. Lesezeit
Vergangene Woche stellte mir eine Followerin die Frage, ob ich wüsste, warum es in Runde 32 geklappt habe und ob ich etwas anders gemacht hätte. Ebenso wird mir diese Frage ab und zu von Ärztinnen gestellt, die bei der Zahl 32 ungläubig den Kopf schütteln, da diese Zahl wahrscheinlich mehr als drei Mal so hoch ist wie der Rekord in ihrer eigenen Klinik, wenn man das so nennen kann. Es ist ein trauriger Rekord, aber gleichzeitig trotzdem eine besondere Zahl.
Beim unerfüllten Kinderwunsch dreht sich so vieles um Zahlen. Die harmloseste Zahl gibt es wahrscheinlich, wenn man ganz am Anfang beginnt zu googeln, wie gross die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft denn ganz generell sei, da landet man bei ca. 25% pro Zyklus. Theoretisch. Mit der Zeit werden die Statistiken komplexer, es gibt sogar mittlerweile statistikbasierte KI-Programme, die einem basierend auf Alter, Versuchen, vorangehenden Fehlgeburten usw. eine Schwangerschaftswahrscheinlichkeit errechnen. Und was bringt mir das dann?
Egal wie hoch die ausgespuckte Zahl pro Zyklus sein wird, in den meisten Fällen ruft sie die nackte Angst hervor. Was, wenn ich nächsten Monate nicht zu der Gruppe der XY Prozent gehöre?
Überhaupt diktieren Zahlen und Rechnungen den gesamten Zyklus. Es werden Zyklustage gerechnet, Ultraschalltage; wenn ich an Tag 8 war, muss ich erst an Tag 10 wieder gehen, wenn ich schon an Tag 7 zum Ultraschall gehe, reicht wieder Tag 9 oder 10. Der Eisprung wird ausgelöst und wir rechnen auf die Stunde genau, wann es zum Transfer kommen wird. In dieser Phase legen wir unzählige Teststreifen nebeneinander, rechnen quasi optisch ein, wie viel wir jeweils noch getrunken haben, um die Veränderung der Liniendicke einordnen zu können. Wir werden zu wahren Profis darin, genauso am Monatsende.
Dann gibt es den AMH-Wert und dutzende weitere Hormonwerte, die jeden Monat zu einem bestimmten Zeitpunkt abgenommen werden. Praktisch gesprochen bin ich im Stress, wenn ich wegen einer Besprechung im Büro erst am Nachmittag in die Gyn-Praxis kann, dann ist der Laborwert auch nur vom Nachmittag und ich stelle mir im Kopf schon die Frage, wie viel Unterschied diese kleine Abweichung nun zum Protokoll hat, wo ich am Morgen hätte testen müssen.
Wir werden unweigerlich zu den Sklaven der Zahlen, denn wir denken, dass alle diese Werte wichtig seien. Sollten sie ja auch, schliesslich werden sie von Ärzten angeordnet? Und dann gibt es Fälle wie meinen, wo alle Werte vermeintlich perfekt sind, ein AMH-Wert der vor Jugendlichkeit nur so strotzt, tolle Vitaminwerte, ein erstklassiges Blutbild (ich könnte hier jetzt noch drei Abschnitte schreiben) - quasi die Traumpatientin anhand der Werte - und trotz allen zeitlichen Optimierungen und Finetuning beim Interpretieren der Blutwerte klappt es nicht. Runde um Runde.
Mit der Zeit haben mich diese Werte paranoid gemacht. Jedes Mal sollte ich von neuem testen, jede Klinik verwendet wiederum eine andere Skala oder interpretiert die Ergebnisse leicht anders. Erstmal lässt man ja einen Haufen Geld liegen, wenn man zigfach bestehende Werte "wegen zeitlichem Ablauf" oder bei einem Klinikwechsel wieder erneuern muss, aber ohne neues Ergebnis. Hätte ja sein können. Angesprochen auf die Unterschiede zum letzten Wert bekommt man aber auch fast nie eine abschliessende Antwort, mehr so in der Art: "Ja das kann sich immer wieder ändern". Ja genau, aber warum ist es dann so wichtig, das jedes Mal zu messen? Ich kam mir vor wie die Sklavin der Labore, ganz abgesehen von hier 123 Euro für den einen Wert, da 212 Euro für etwas nachzumessen und dann noch zig Mal Wochenend- oder sonstige Extrazulagen...
Ich erinnere mich noch gut an die barsche Antwort einer Angestellten in der Uniklinik, als ich einen Wert per Telefon mitteilte: "Also wenn der so hoch ist, können Sie uns das nicht so spät mitteilen", hätte ich wissen müssen... (Spoiler: Bei allen Versuchen davor mit dem tieferen Wert hat es auch nicht geklappt)...
In der Natur kommen Schwangerschaften zustande, die auf Geschlechtsverkehr ausserhalb der fruchtbaren Tage zurückgehen, die trotz Verhütungsmitteln eintreten.
Meine Chancen auf eine Schwangerschaft waren rein statistisch mit Medikamtenten usw. tiefer, als bei einer Frau die korrekt verhütet.
Mit der Zeit habe ich immer weniger auf diese Werte gehört, Gott sei Dank gab es damals noch kein ChatGPT, denn das wäre noch eine Schippe drauf auf die Situation zwei Ärzte drei Meinungen - dann wird man endgültig verwirrt.
Mit der Zeit habe ich immer mehr Untersuchungen und Laborwerte abgelehnt, weil es auch die letzten vierzehn Mal schon nichts gebracht hat, weil ich mich nicht unnötig stressen wollte.
Mit der Zeit habe ich beim Auslösen des Eisprungs Stunden gerundet, mich nicht mehr verrückt gemacht, wenn ich sogar mal eine Gonal-Spritze zwei Stunden zu spät gesetzt habe.
Jeder Faktor wäre beliebig austauschbar gewesen - am Ende hat es wider Erwarten in Runde 32 geklappt und niemand weiss warum. Wenn man gerade in der Situation ist, ist man schnell verleitet, hier und da ein Signal zu interpretieren, warum es genau diesmal (nicht) klappen wird: Der eine Laborwert war anders, vor der Klinik lief eine schwarze Katze über die Strasse oder an Tag 23 spüre man ein Ziehen, was sonst immer an Tag 24 aufgetreten ist. Egal ob die Schwangerschaft nun sicher ist oder nicht, sicher ist, dass man davon verrückt wird.
Der einzige besondere Moment war, als ich kurz vor der Eizellenentnahme gewartet habe und wie immer der Embryonologe zu mir kam. Ich wollte in meiner Verzweiflung das "Embryo-Glue"-Verfahren dazubuchen, aber kurz nach der Entnahme besprachtenwir das und sagte mir, dass das bei dieser Qualität nicht nötig sei, er würde mir sagen, wenn das anders wäre.
Er verabschiedete sich dann, weil er gleich mit seiner Arbeit beginnen musste und sagte: "Wir wollen ja heute schwanger werden" und irgendetwas war in seinen Augen, was ich so noch nie gesehen hatte. Er sagte dies mit einer solchen Bestimmtheit, dass ich es fast als Anordnung verstand und ich war einverstanden. Warum nicht mal ein anderes Ergebnis als die vorherigen Monate? Ich könnte mich ja auch mal überraschen lassen? In dem Moment nahm ich es mit Humor, aber trotzdem ist mir diese Aussage bzw. der Ton und der Blick dazu nicht aus dem Kopf gegangen. Bei den vorherigen Versuchen konnte ich mich nämlich gar nicht daran erinnern, ob er etwas gesagt hatte und was genau.
Am Ende weiss ich aber eines: Gerade weil ich nie eine Diagnose, sondern immer sehr gute Werte bekommen habe, ist meine Schwangerschaft nach 32 Runden ein mathematisches Rätsel. Kein Wert hat dazu optimiert werden können und jede Statistik hätte diese Wahrscheinlichkeit als unmöglich abgetan. Mehr noch, die meisten Kliniken schliessen einen nach einer gewissen Zahl an Versuchen sogar aus, weil sie ihre eigene Statistik nicht verschlechtern wollen. Andere Kliniken nehmen einen diesfalls manchmal gar nicht an, oder ihre Statistik behandelt einen dann so wie beim ersten Versuch.
Rückblickend finde ich es schon spannend, dass so viele Werte vermeintlich perfekt sein müssen und man schier wahnsinnig gemacht wird, wenn mal eine Kommastelle abweicht, und doch kann auch alles mehrfach passen und es klappt einfach nicht. Das Diktat der Zahlen hat mich anfangs total abgeschreckt, bis ich es selbst in meinen Gedanken auf den Platz verweisen musste. Würde man bei jeder natürlich zustande gekommenen Schwangerschaft wirklich jeden dieser Werte prüfen und kann es nicht auch sein, dass diese manchmal aus dem Muster fallen?
Mein Fazit ist, dass die Natur sich kaum auf all diese Werte reduzieren lässt, denn es klappt einerseits auch, ohne sie jemals gemessen zu haben und andererseits auch nicht, wenn man sie permanent misst.
Es muss also noch etwas dazwischen geben, sei das nun Wunder, die statistische Unmöglichkeit oder die Antwort auf eine Frage, die nie gestellt wurde.
Am Ende weiss ich nicht, warum es letztlich entgegen aller Statistiken geklappt hat. Aber ich weiss, dass das Diktat der Zahlen im unerfüllten Kinderwunsch extrem präsent ist und einen oft an den Rand der Verzweiflung führt, wobei offen bleiben mag, ob das im Einzelfall immer nötig ist.
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